Weil wir gefragt werden

Arbeitshilfe zum neo-charismatischen Christentum und seinen Großveranstaltungen

"Die neo-charismatische Bewegung geht in ihren Ursprüngen auf die Pfingstkirchen des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Die sogenannte charismatische Bewegung entstand etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts als innerkirchliche Bewegung (also innerhalb der evangelisch-lutherischen, der anglikanischen oder der römisch-katholischen Kirche bzw. in vielen Freikirchen) mit pfingstchristlicher Prägung. Etwa seit den 1980er Jahren entstand aus der Gemeindebau-Bewegung heraus die sogenannte neocharismatische Bewegung. Heute sind Frömmigkeitspraktiken und theologische Positionen oftmals nicht eindeutig charismatischer oder neocharismatischer  Herkunft zuzuordnen, weshalb im Folgenden allgemein von der neo-charismatischen Bewegung gesprochen wird. Man sollte aber nicht vergessen, dass es sich dabei keinesfalls um eine einheitliche Bewegung handelt.

Heute zählt das pfingstlich/neo-charismatische Christentum zu den weltweit am schnellsten wachsenden christlichen Richtungen quer durch alle Konfessionen. Dieser weltweite Trend macht nicht vor unserer Haustür halt und tritt hierzulande zunehmend ins öffentliche Bewusstsein – sei es in Form  von  lokal  wirkenden  (meist  international  vernetzten) „Freikirchen“, Gemeindebünden oder bei größeren Veranstaltungen, sogenannten Events.

Neben den pfingstlich/neo-charismatischen Gemeinden und Evangelisationen, die es in Deutschland z. T. seit vielen Jahren gibt, ist seit einiger Zeit ein neuer Typ von  Großveranstaltungen zu beobachten: Es handelt sich um sehr professionell organisierte und durchgeführte, transkonfessionelle Events mit hohen Teilnehmendenzahlen und neo-charismatischer Frömmigkeitsprägung, die oft von internationalen Veranstaltern initiiert werden. Deutschland wird dabei z. T. offen als Missionsgebiet bezeichnet. Immer wieder ist auch zu hören, Deutschland spiele eine wichtige Rolle im Endzeitgeschehen.

Priester, Pfarrerinnen und Pfarrer sowie theologisch-pädagogische Mitarbeitende der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche werden in Zukunft  häufiger mit Fragen von Pfarrgemeinderäten, Kirchenvorständen, Mitgliedern, Schülerinnen und Schülern über neo-charismatisches Christentum konfrontiert werden. Die folgende Arbeitshilfe soll kirchlichen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dabei helfen, solche Fragen zu beantworten. Daher folgt sie dem Schema „Frage und Antwort“. Nach einigen grundsätzlichen theologischen Klärungen  folgen Fragen  zu konkreten Glaubensvorstellungen und -praktiken des neo-charismatischen Christentums. Am Ende geht es um organisatorische Überlegungen und die Frage der Zusammenarbeit.

In dieser Arbeitshilfe wird eine mögliche, vorläufige (nicht die einzige, letztgültige) Position zum neo-charismatischen Christentum vertreten. Das „wir“, das sich darin äußert, gibt  die gegenwärtigen Ansichten der Herausgebenden wieder. Zugleich ist dieses „wir“ ein einladendes „wir“: Es lädt dazu ein, sich mit der hier vorgestellten Position zu identifizieren bzw. in der Auseinandersetzung damit zu  eigenen theologischen Antworten zu gelangen und mit den Herausgebenden dazu in einen theologischen Austausch zu treten. Wo es uns angebracht erscheint, werden wir sowohl römisch-katholische als auch evangelisch-lutherische Argumentationslinien vorstellen. Wir sind Gott dafür dankbar, dass die ökumenische Zusammenarbeit der Weltanschauungsbeauftragten in Bayern solche Früchte hervorbringt." (Arbeitshilfe, 4f.)